Berufsbild Intimitätskoordinator:in

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Berufsbild Intimitätskoordinator:in

Berufsbild Intimitätskoordinator:in

Vor allem die #MeToo-Bewegung förderte die vermehrte Nachfrage nach Intimitätskoordinator:innen. Mit ihrer Hilfe können intime Szenen weiterhin und vor allem besser und sicherer als zuvor szenisch dargestellt werden. Lange nachdem in den USA und GB der Ruf nach Intimitätskoordination (IK) laut wurde, erklingt er nun endlich auch in Deutschland. Was man unter dem Begriff IK versteht, was ihre “best practice” ist und warum es noch Arbeit sein wird, bis sich hierzulande Standards durchsetzen, beschreibt die 1. Vorsitzende des 2019 gegründeten Berufsverbands für Intimitätskoordination und Kampfchoreografie (BIK), Franzy Deutscher. 

Intime Szenen in Theater und Film darzustellen ist herausfordernd. Denn szenische Intimität soll wahrheitsgetreu aussehen, aber nicht in private Intimität abgleiten. Auch auf Seiten der Produktion ist das Thema nicht einfach. Die Szene soll aufregend rüberkommen, aber das Buch gibt lediglich vor: “Sie haben Sex.” Die Regieanweisung lautet: “Macht doch einfach mal!” Oder das Budget sagt: “Das bisschen Fummeln müsst ihr selbst inszenieren.”

Leider öffnet Vagheit à la “macht doch mal” nicht automatisch den Raum für kreatives und gemeinschaftliches Improvisieren und Arbeiten. Sondern potenziell auch die Tür für toxische Machthierarchien, Missbrauch und Verletzungen. Selbstverständlich gibt es Teams, bei denen Produktionen trotz fehlender Standards in Einvernehmlichkeit und mit Sensibilität ablaufen; bei denen alle zufrieden sind mit dem Ergebnis und niemand körperlich oder seelisch zu Schaden kommt. Das ist aber leider die Ausnahme.

Intimitätskoordination: Schutz der Darstellenden, Erzählen von besseren Geschichten

Nacktheit, Simulation von Geschlechtsverkehr oder nicht einvernehmliche Intimität bedeuten für Darstellende potentiell Stress, wenn nicht frühzeitig zwischen phänomenologischem Leib, also der Privatperson, und semiotischem Körper, dem Schauspielkörper, unterschieden wird. Die Darstellenden darin anzuleiten, ersteren zu schützen und letzteren variantenreich in Szene zu setzen, ist der Job der Intimitätskoordination.

Oder, wie eine der führenden Intimitätskoordinatorinnen aus den USA, Laura Rikard, passend sagte: “Passion fades, choreography stays forever.”

Intimitätskoordinator:innen kümmern sich darum, dass die Darstellung von Intimität nicht zufällig passiert. Sie wird in klarer Absprache zwischen den Beteiligten choreografiert und wiederholbar gemacht. Ihre Arbeit basiert auf dem Abstecken von Rahmenbedingungen, dem Einholen von Consent (Einwilligung und Einvernehmlichkeit) und dem Abklären von Grenzen. Dieses Sicherheitsnetz ermöglicht eine freie, kollaborative und kreative Arbeit.

In welchen Fällen man eine:n Intimitätskoordinator:in buchen sollte

Die meisten von uns haben in ihrem Leben schon einmal einen anderen Menschen geküsst und einen Kuss bekommen. Deshalb ist es ja auch gar kein Problem, vor der Kamera oder auf der Bühne Spielpartner:innen zu küssen, oder? Moment. Was genau für einen Kuss? Auf die Wange, die Lippen, mit Zunge oder ohne, an den Hals, auf das Schlüsselbein oder den Bauch? Kurz, vielleicht zwei Sekunden, und mit spitzen Lippen oder zwei Minuten lang, mit Zwischenatmung und beginnendem Stöhnen? Und was macht eigentlich der Rest des Körpers dabei?

Und was ist am Set bei Take drei oder im Theater bei der fünften Vorstellung? Vielleicht jetzt doch ein bisschen Zunge, es ist ja wirklich sehr intensiv, oder die Hände an das Gesäß oder die Brust, es ist ja wirklich sehr leidenschaftlich…

Dass es im Umgang mit intimen Szenen in der Praxis zu Grenzüberschreitungen und Missbrauch kommt, macht eine Studie der Universität Rostock zum Thema “Darstellung von Intimität, Nacktheit und sexualisierter Gewalt unter Schauspieler*innen […]” anschaulich. Vier von fünf der befragten Schauspieler:innen gaben an, im Beruf Erfahrungen mit sexueller Belästigung oder sexualisierter Gewalt gemacht zu haben. Das gleiche gilt für etwa die Hälfte der befragten männlichen Schauspieler. Diese Erfahrungen machen Kolleg:innen täglich: bei Castings, Proben, im Theater, beim Film.

Die IK hilft mit ihrer Arbeit “safe spaces” zu kreieren, die zu “brave spaces” werden

Die Antwort auf die Frage, wann man eine IK buchen sollte, lautet also: immer, sobald es Intimität wiederholbar und kreativ darzustellen gilt. Die IK kann Grenzüberschreitungen oder Machthierarchien nicht komplett verhindern. Sie ist aber die Instanz, die das Risiko dafür in der szenischen Arbeit minimiert. Denn die Beteiligten fühlen sich sicherer, weil über die jeweiligen Szenen und Imaginationsräume, Fähigkeiten, Techniken und Tabus gesprochen wird. Es werden Räume entwickelt, die gefüllt sind mit Mut, Wissen und gegenseitigem Respekt. Gemeinsam, einvernehmlich und unverletzt können intensive Geschichten wiederholt erzählt werden.

Spektrum der Intimitätskoordination

Intime Szenen umfassen nicht nur die “klassische” Sexszene. Intimitätskoordinator:innen kümmern sich auch um die sicherere Darstellung von:

  • Kuscheln

  • Küssen

  • Nacktheit

  • einvernehmlicher Intimität

  • nicht einvernehmlicher Intimität und sexueller Gewalt

  • Kink-, Fetisch und BDSM-Darstellung

  • Interaktionen zwischen Erwachsenen und Kindern oder unter Jugendlichen

  • gynäkologischen Untersuchungen

  • Geburten

  • etc.

Grundsätzlich gilt: Eine gute IK unterstützt die künstlerischen Visionen der Regie und hilft allen Beteiligten, stolz und stark aus einer Produktion hervorzugehen. Um das zu garantieren, sollten wir klären, wie eine Produktion optimalerweise die IK eingliedert. Dazu schauen wir uns die “best practice” der IK an.

Best Practice in der Intimitätskoordination

“Nein, hier möchte ich nicht angefasst werden” oder “so möchte ich nicht gezeigt werden“ sind persönliche Grenzen, die man als Darsteller:in nicht rechtfertigen muss. Diese Grenzen markieren als neutrale Daten die Ausgangsbasis für die professionelle Arbeit mit szenischer Intimität jenseits privater Schamgefühle oder individueller sexueller Vorlieben. Zuerst müssen diese “Neins” bekannt sein. Die Darstellenden sollen wissen, dass es richtig und gut ist, sie zu äußern. Dann folgt der Austausch über die Dinge, die okay sind und die von den Darstellenden individuell mit einem beherzten “Ja!” beantwortet werden können. Das ist der Beginn des produktiven Austauschs und der eigentlichen künstlerischen Arbeit.

Eine Regel der Intimitätskoordination lautet: Erst, wenn ein Nein etabliert wurde, kann auch ein Ja akzeptiert werden.

Einer:m Expert:in für IK frühzeitig einen Platz im Produktionsteam einzuräumen, ist der erste Schritt in die “best practice”. Als Best Practice versteht man die ideale Vorgehensweise, dank derer künstlerische Arbeit vollumfänglich geschehen kann. Dinge wie die Einbindung der IK in die Kommunikations- und Informationsstruktur, frühzeitige Buchung, Transparenz, angemessene Budgetierung, ausreichende Probendauer, Nachbesprechungen, Hinweise zu Selfcare usw. garantieren, dass das Set sicherer ist, der Dreh glatt abläuft, die künstlerische Vision der Regie unterstützt und in Absprache mit den Spielenden umgesetzt wird. Kurzum: Die Atmosphäre in der Produktion wird entspannter. Und auch das Publikum kann sich später auf die Story konzentrieren, weil es etwas sieht, das interessant und gut gearbeitet ist. Es wird weder enttäuscht werden, noch muss es sich um die Sicherheit der Darstellenden sorgen. Das Gleiche gilt natürlich auch für IK auf der Bühne, von der Performance über den Tanz bis hin zum Musiktheater.

Zur Best Practice gehört eine solide Vorarbeit. Noch bevor der Dreh oder die Proben beginnen, ist ein Konzeptionsgespräch mit Regie, Kamera / Bühne, Kostüm und Darstellenden unumgänglich. Ebenso die Vieraugengespräche zwischen IK und den einzelnen Darsteller:innen, um eben jene Grenzen abstecken zu können, auf denen die spätere Choreografie fußt. Das nimmt formal erstmal Raum (Zeit, Kosten) ein, lohnt sich aber spätestens beim Dreh, weil eine auf Consent basierende Choreografie entspannt, präzise und professionell wiederholt werden kann.

Die Bedingungen für Consent (Einwilligung und Einvernehmlichkeit):
Freely given
Reversible
Informed
Engaged
Specific

Die IK ist auch dafür da, dass die Spielpartner:innen ihre Bereitschaft zur Darstellung szenischer Intimität jederzeit ändern bzw. neu verhandeln können. In diesem Fall setzt die IK die Haltung der Darstellenden durch und koordiniert sie mit der Regie, schlägt beispielsweise Varianten in der Choreografie vor, alternative Kamerawinkel, andere oder zusätzliche Intimitätsbekleidung.

Intimitätskoordinator:in vs. Intimitätscoach

Hierzulande  werden die Begriffe Intimitätskoordinator:in und Intimitätscoach oft gleichwertig verwendet. Es gibt jedoch wichtige Unterschiede:. Der:die Intimitätskoordinator:in kümmert sich um die sichere Darstellung von Intimität für Bühne und Film. Als Intimitätscoach bezeichnet man einen anderen Beruf. Nämlich eine:n besondere:n  Paartherapeut:in, die:der privaten Partner:innen Anleitungen zu einer stabilen und gesunden Bindung, Sexualität und Intimität gibt. Auch spiegelt der Begriff “Coach” nicht ausreichend die vermittelnden, kreativen und handwerklichen Aufgaben eine:r Intimitätskoordinator:in am Set oder Theater wider.

Intimitätskoordinator:innen im deutschsprachigen Raum

Wie viele aktive Intimitätskoordinator:innen gibt es derzeit (Stand 09/22) in Deutschland? Im Berufsverband Intimitätskoordination und Kampfchoreografie, haben wir aktuell vier professionell ausgebildete Vollmitglieder, die als IK gelistet sind: Paula Alamillo, Florian Federl und Julia Effertz in Deutschland und Cornelia Dworak in Österreich. Ihre Ausbildungen haben sie gesponsert durch Netflix oder bei international renommierten Intimitätskoordinator:innen absolviert. Sie arbeiten an nationalen und internationalen Sets und verfügen alle über langjährige Erfahrung in anderen Bereichen, wie zum Beispiel Kampfchoreografie, Produktion und Schauspiel. Da es im DACH-Gebiet weder fest etablierte Ausbildungen noch offizielle Erhebungen über aktive Intimitätskoordinator:innen gibt, können wir hier keine belastbaren Zahlen nennen.

Wir nehmen an, dass der Graubereich derer, die nach einem kurzen Workshop bereits als Intimitätskoordinator:in arbeiten, recht groß ist. Das ist in der Kampfchoreografie auch nicht anders. In beiden Fällen gefährdet das Learning by Doing ohne fundierte Ausbildung die physische und psychische Unversehrtheit der Darstellenden und der anderen Beteiligten. Ohne fähige IK hilft auch eine ideale Best Practice seitens der Produktion nichts.

Durch einen starken Berufsverband zur Sichtbarkeit und Professionalisierung der IK beitragen

Im BIK bieten wir regelmäßig Weiterbildungsmodule und Webinare mit internationalen Choreograf:innen und Koordinator:innen. Hier ist jede:r eingeladen, sein:ihr Wissen zu vertiefen, um nachhaltig zur Professionalisierung des Gewerks beitragen zu können. Wir fördern den Nachwuchs, der Interesse am Feld, aber noch keine vollwertige Ausbildung, oder kaum Berufserfahrung hat, indem wir ihn mit der Branche vernetzen und zu praktischem und theoretischem Austausch und Diskussionen einladen.

Die Agenda des BIK ist die Weiterbildung und Förderung der Intimitätskoordination sowie das Sichtbarmachen und die Anerkennung des Themas insgesamt. Wir diskutieren untereinander und mit Stakeholdern der Industrie über Mindestgagen, Verträge, Richtlinien usw. Wir kooperieren hierzulande und international mit anderen Netzwerken und Berufsverbänden und versuchen das Wissen um Inhalte und Arbeitsabläufe auch an andere Fachbereiche weiterzugeben. IK ist wichtig für Hochschulen, Produktion, Casting, Dramaturgie, Kostüm, übergeordnete Vermittlungsagenturen, um nur einige zu nennen.

Aktuelle Herausforderungen und Blick in die Zukunft

Ja, IK ist auch in Deutschland angekommen, aber wie vielleicht ersichtlich wurde, stecken wir hierzulande im Vergleich zu den Vorbildern USA und GB noch am Anfang eines Kulturwandelprozesses, im Laufe dessen IK auch als eigenständige Kunst- und Arbeitsform anerkannt werden wird.

Dass die Arbeit noch zäh sein kann, melden uns teilweise unsere Mitglieder zurück, die in der Praxis zwar auf viel Lob und Anerkennung, aber auch auf Grenzen des aktuell Möglichen stoßen. Es scheint sich noch nicht durchgesetzt zu haben, welche Aufgaben und Verantwortungsbereiche die IK hat und in welche Prozesse sie in welchem Umfang eingebunden werden sollte. Dinge, die man vor Beginn der Produktion durch transparente Kommunikation klären könnte.

Kulturwandel findet nicht in hermetisch abgeriegelten Räumen statt. Kultur wird ständig von jeder:m einzelnen Akteur:in hervorgebracht. Respekt und Einvernehmlichkeit sind auch vor und nach Produktionen wichtig und machen es für alle einfacher, miteinander statt gegeneinander zu arbeiten. Am Ende sind wir Menschen, die für und mit anderen Menschen etwas schaffen, das nicht auf Stereotypen oder Ängsten basieren sollte, sondern auf transparenten Strukturen und mutigen Freiräumen.

Kultur ist ein ständiger Entwicklungs- und Wandelprozess und die Darstellung von Intimität sowieso. Sexualität und Intimität unterliegen Moden und spiegeln gesellschaftliche Konventionen wider. Auch die IK entwickelt sich als lebendiger Bereich stetig weiter. Daher ist unser Anliegen auch nicht zu behaupten: “Wir haben die richtige Art und Weise gefunden, IK im deutschsprachigen Raum auszuüben.” Wir möchten, dass das Wissen um Intimitätskoordination frisch und beweglich bleibt. Dass sich die Branche national und international vernetzt und weiterentwickelt. Intimitätskoordination ist eine sehr respektvolle Praxis, die neue Formen und Geschichten des Miteinanders hervorbringt. Formen, die es uns erlauben, einvernehmlich und mutig grenzenlos fesselnde Geschichten zu erzählen.

Bei weiteren Fragen zum Thema kontaktieren Sie gerne unsere Ansprechpartner:innen für IK:
Paula Alamillo und Florian Federl.

E-Mail: info@b-ik.art

Von |2022-10-04T06:32:31+00:004. Oktober 2022|Intimitätskoordination|0 Kommentare

Über den Autor:

Franzy Deutscher ist freischaffende Kampfchoreografin und erste Vorsitzende von BIK

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